17.10.2014 | Sozialticket

Sozialticket vor dem Aus?

Die zuständigen Ratsausschüsse sollen am 21.10. beschließen, dass die Preise für das Sozialticket erneut um 6 € angehoben werden und dass der Verkauf des Sozialtickets zum 1.1.2015 eingestellt wird. Das jedenfalls schlägt die Stadtverwaltung vor. Die Empörung ist groß. Das „Bündnis für ein Sozialticket“ nimmt in einer Pressemitteilung Stellung und legt eine Modellrechnung vor, die nachweist, dass bei moBiel in erheblichem Umfang Mehreinnahmen entstehen, die für die Stützung des Sozialtickets verwendet werden sollten.


I. Pressemitteilung

Bündnis fordert Runden Tisch zur Rettung des Sozialtickets

Am 21.10. sollen die Ratsausschüsse für Finanzen, Stadtentwicklung und Soziales eine erneute Preiserhöhung beim Sozialticket um 6 € und dann auch noch die Einstellung des Verkaufs zum 1.1.2015 beschließen. Das „Bündnis für ein Sozialticket“ protestiert gegen diesen übereilten und dürftig begründeten Vorschlag der Verwaltung. Das Bündnis fordert, dass am 21.10. nur in 1. Lesung über die Verwaltungsvorlage beraten wird und ein Runder Tisch eingerichtet wird, um die strittige Frage der Mehreinnahmen bei moBiel durch das Sozialticket zu klären und Lösungsvorschläge zur dauerhaften Absicherung des Sozialtickets zu entwickeln.

„Wir sind entsetzt, mit welcher Leichtfertigkeit die Verwaltung ein sozialpolitisch so wichtiges und erfolgreiches Projekt mit einem Federstrich beenden will“, kommentiert die Sprecherin des Bündnis‘, Brigitte Stelze, den Verwaltungsvorschlag. „Seit mehr als zwei Jahren fordern wir, dass zur Stützung des Sozialtickets neben den Landeszuschüssen auch die Mehreinnahmen eingesetzt werden, die der Verkauf des Sozialtickets für moBiel bringt. Dass es solche Mehreinnahmen gibt, war noch vor einem Jahr unstrittig. Über die Höhe gab es Meinungsverschiedenheiten. Und nun teilt die Verwaltung in ihrer Vorlage lapidar mit, es gebe solche Mehreinnahmen gar nicht. Ohne jede Begründung.“ Das Bündnis fordert, dass Verwaltung und moBiel öffentlich und nachvollziehbar begründen, warum es keine Mehreinnahmen geben soll. „Wir haben jetzt noch einmal detaillierte Modellrechnungen angestellt. Das Ergebnis ist nach unserer Auffassung eindeutig: Es gibt Mehreinnahmen in erheblichem Umfang.“ Bei plausiblen Annahmen komme das Bündnis zu dem Ergebnis, dass bei den aktuellen Verkaufszahlen Mehreinnahmen von ca. 50.000 € pro Monat entstehen. „Das reicht allemal aus, um fehlende Zuschüsse auszugleichen und die Zeit in 2015 zu überbrücken, bis die neuen Landeszuschüsse fließen. Das reicht sogar noch für eine moderate Preissenkung aus.“ stellt Stelze fest. Deshalb sehe das Bündnis überhaupt keinen Anlass, jetzt eine überhastete Entscheidung zu treffen. Stelze: „Wir fordern die Politiker und Politikerinnen in den Ratsausschüssen auf, die Entscheidung auszusetzen und sich am 21.10. auf eine erste Lesung zu beschränken. Die Ausschüsse sollten einen Runden Tisch einsetzen, der endlich die strittige Frage der Mehreinnahmen klärt. Auf der Basis lassen sich dann Lösungsvorschläge entwickeln, wie das Sozialticket langfristig mit einem attraktiven Preis abgesichert werden kann.“

Für das Bündnis
Brigitte Stelze

Pressemitteilung zum Download


II. Modelrechnung

Bündnis für ein Sozialticket in Bielefeld
Verantwortlich: Godehard Franzen / 20.10.2014

Führt das Sozialticket bei moBiel zu echten Mehreinnahmen oder zu Mindereinnahmen?

(3. aktualisierte und korrigierte Fassung)

Vorbemerkungen

  • Als unbestritten wird angesehen, dass 11 % der Sozialticketkäufer echte Neukunden sind, die vorher den ÖPNV nicht benutzt haben.
  • Von den derzeit ca. 8.000 Sozialticketkäufern (Okt. 2014) haben ca. 2.500 früher das Großkunden-Abo der Stiftung Solidarität genutzt. Die Zahl ergibt sich aus dem Rückgang der Verkaufszahlen für das Großkunden-Abo. Diese 2.500 Sozialticketkäufer führen bei moBiel weder zu Mehr- noch zu Mindereinnahmen, weil zusammen mit dem Förderbetrag der Großkunden-Abo-Preis weiterhin an moBiel fließt.
  • Aus der Untersuchung von Prof. Stricker lassen sich keine quantitativen Daten gewinnen, in welchem Umfang die Sozialticketkäufer vorher andere Ticketarten genutzt haben.
  • Wir unterstellen, dass sich die Sozialticketkäufer durchschnittlich rational verhalten.


Typisierung der Sozialticket-Käufer

Wir legen die Verkaufszahlen von Okt. 2014 zugrunde (gerundet):

Ganztagesticket: 4.500
9-Uhr-Ticket: 3.500
Summe: 8.000


Wir betrachten nur die ca. 4.620 (= 8.000 – 2.500 – 880) Käufer, die weder echte Neukunden sind noch vorher das Großkunden-Abo gekauft haben. Wir können drei Käufertypen unterscheiden (siehe zur besseren Verständlichkeit die Tabelle mit den Ticketpreisen im Anhang):

  1. Der Käufer hat vorher weniger als 36,90 bzw. 26,90 € für andere ÖPNV-Tickets ausgegeben. Er kauft das Sozialticket, um mobiler zu sein. Dieser Typ hat im Grunde dasselbe Motiv wie ein echter Neukunde. Dieser Käufer trägt zu Mehreinnahmen bei moBiel bei.
  2. Der Käufer hat vorher mehr als 36,90 bzw. 26,90 € für andere ÖPNV-Tickets ausgegeben, aber höchstens bis zum Preis für die entsprechenden Großkunden-Abos mit 47,25 bzw. 38.07 €. Dieser Kunde spart Geld. Er erreicht zugleich mehr Mobilität. Er trägt nicht zu Mindereinnahmen bei, da ja moBiel zusammen mit den Fördermitteln den vollen Betrag der Großkunden-Abos bekommt. Er bewirkt Mehreinnahmen in dem Maße, wie der vorher für ÖPNV-Tickets eingesetzte Betrag unter den Preisen für das Großkunden-Abo bleibt.
  3. Der Käufer hat vorher mehr als 47,25 bzw. 38,07 € (Preise Großkunden-Abo) für andere ÖPNV-Tickets ausgegeben. Dieser Kunde trägt zu Mindereinnahmen bei moBiel bei.


Welcher Anteil auf jeden der drei Käufertypen entfällt, ist nicht bekannt, ebenso wenig die Höhe der durchschnittlichen Ausgaben für andere ÖPNV-Tickets vor dem Sozialticketkauf.

Es spricht vieles dafür, dass b) die größte Gruppe ist. Das sind Käufer mit hohem Mobilitätsbedarf, denen das Großkunden-Abo zu teuer war. Diese Käufer verhalten sich rational.

Die Gruppe c) umfasst ausnahmslos Personen, deren Ausgaben für andere ÖPNV-Tickets höher lagen als die Preise für das Großkunden-Abo, die aber trotzdem kein Großkunden-Abo gekauft haben. Das ist kein rationales Verhalten. Es ist zu vermuten, dass diese Gruppe deutlich kleiner ist als die Gruppe b). In der Gruppe c) wird man – bis auf Ausnahmen mit großen Informationsdefiziten – keine Käufer finden, die vorher mehr für andere ÖPNV-Tickets als die Preise für reguläre Abos ausgegeben haben, also mehr als 52,50 bzw. 42,30 €. Ein solches Verhalten wäre in hohem Maße irrational.

Die Käufer der Gruppe a) sind gewissermaßen die eigentlichen Wunschkunden für den ÖPNV. Über ihren Anteil ist nichts bekannt.

Extremes Worst-Case-Szenario

Die Mehreinnahmen durch die 11% echte Neukunden (= 880) belaufen sich auf:

495 x 47,25 + 385 x 38,07 = 38.046 €/Monat

Wir nehmen nun den ungünstigsten Fall an, dass es unter den 4.620 Käufern (ohne echte Neukunden und ehem. Großkunde-Abo-Käufer) nur Käufer des Typs c) gibt und dass diese vorher in Höhe der regulären Abo-Preise andere Tickets gekauft haben. Wir unterstellen weiterhin, dass die 4.620 Käufer sich genauso auf die Ticketarten aufteilen wie die Gesamtheit der 8.000 Käufer (d.h. 2599 für das Ganztagesticket und 2021 für das 9-Uhr-Ticket). Dann ergäben sich folgende Mindereinnahmen:

2599 x (52,50 – 47,25) + 2021 x (42,30 – 38,07) = 22.194 €/Monat


Selbst bei diesem völlig realitätsfernen Worst-Case-Szenario verbleiben Mehreinnahmen von 15.852 €/Monat. Das wären ca. 190.000 € pro Jahr.

Es ist deshalb völlig ausgeschlossen, dass der Sozialticketverkauf insgesamt für moBiel zu Mindereinnahmen führt.

Ein realistisch-konservatives Szenario:

Wir rechnen mit folgenden Annahmen:

  • Gruppe a): 20% Anteil (924 Käufer); die durchschnittlichen Ausgaben für andere Tickets vor dem Kauf des Sozialtickets liegen bei 80% des Sozialticketpreises.
  • Gruppe b): 50% Anteil (2.310 Käufer); die durchschnittlichen Ausgaben für andere Tickets vor dem Kauf des Sozialtickets liegen in der Mitte zwischen dem Sozialticketpreis und dem Großkunden-Abo-Preis.
  • Gruppe c): 30% Anteil (1386 Käufer); die durchschnittlichen Ausgaben für andere Tickets vor dem Kauf des Sozialtickets liegen bei den Preisen für reguläre Abos.


Wir nehmen ferner an, dass sich die einzelnen Gruppen wie die Gesamtheit der Käufer auf die beiden Ticketarten aufteilen.

Die Annahmen sind nach meiner Beurteilung eher als konservativ einzustufen, d.h. die tatsächlichen Mehreinnahmen dürften nach meiner Einschätzung höher liegen.

Mit diesen Annahmen ergeben sich folgende Mehr- bzw. Mindereinnahmen:

  • Gruppe a):
    Die 924 Käufer teilen sich in 520 für das Ganztagesticket und 404 für das 9-Uhr-Ticket auf. Beim Ganztagesticket beträgt die Mehreinnahme pro Käufer:
    Preis Großkunden-Abo – 80% vom Sozialticketpreis = 47,25 - 0,80 x 36,90 = 17,73 €.
    Beim 9-Uhr-Ticket beträgt die Mehreinnahme pro Käufer 16,55 €. Damit errechnen sich die monatliche Mehreinnahmen zu:
    520 x 17,73 + 404 x 16,55 = 15.906 €

Entsprechend errechnet man für die beiden anderen Gruppen:

  • Gruppe b):
    Mehreinnahmen pro Käufer beim Ganztagesticket: (47,25 – 36,90) : 2= 5,175 €, beim 9-Uhr-Ticket: (42,30 – 26,90) : 2 = 5,585 €. Insgesamt ergibt sich:
    1299 x 5,175 + 1011 x 5,585 = Mehreinnahmen von 12.369 €
  • Gruppe c):
    780 x 5,25 + 606 x 4,23 = Mindereinnahmen von 6.658 €

Gesamtsumme monatliche Mehreinnahmen
Ergebnisse a) + b) – c) = 21.617 €

Zusammen mit den Mehreinnahmen durch die 11% echte Neukunden ergeben sich monatliche Mehreinnahmen von 59.663 €.

Das sind ca. 716.000 € echte Mehreinnahmen pro Jahr.

Bei diesen Rechnungen sind Mehraufwendungen (zusätzliche Reinigung, Betriebsmittel, Aufwendungen für Vertrieb …) nicht berücksichtigt.

Kann der Fehlbetrag bei den Fördermitteln gedeckt werden?

Bei den aktuellen Verkaufszahlen und Preisen ergibt sich ein monatlicher Ausgleichsbedarf von:

4500 x 10,35 + 3500 x 11,17 = 85.670 €
(10,35 = Diff. zwischen Großkunden-Abo-Preis und Sozialticketpreis ganztags: 47,25 – 36,90; usw.)

Die Fördersumme für 2014 beträgt 698.000 €, mithin 58.167 € pro Monat. Der Fehlbetrag beläuft sich also auf 27.503 € pro Monat. Das liegt weit unter den Mehreinnahmen von moBiel.

Bei den aktuellen Verkaufszahlen und um 3 € abgesenkten Preisen (33,90 bzw. 23,90 €) ergäbe sich ein monatlicher Ausgleichsbedarf von

4500 x 13,35 + 3500 x 14,17 = 109.670 €
(der Ausgleichsbetrag pro Ticket ist jeweils um 3 € höher).

Der monatliche Fehlbetrag beliefe sich auf ca. 51.503 €. Dieser Fehlbetrag wäre durch die Mehreinnahmen entsprechend dem realistisch-konservativen Szenario gedeckt. Es bliebe noch eine Reserve von 8160 € pro Monat bzw. 97.920 € pro Jahr.

Anhang: Preistabelle (Stand Okt. 2014)

  Reguläres Abo Großkunden-Abo Sozialticket
Ganztagesticket 52,50 47,25 36,90
9-Uhr-Ticket 42,30 38,07 26,90


Die Modellrechnung zum Download

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