25.11.2013 | Veranstaltung

Plädoyer für die Tram

„Wir haben es seit zehn Jahren mit einem Wertewandel zu tun, der vor allem bei jungen Menschen zu beobachten ist. Bei vielen hat das Auto als Statussymbol ausgedient. Wo das Angebot stimmt, wählen sie zunehmend andere Verkehrsmittel, insbesondere Bus und Bahn.“ Das ist die zentrale Botschaft von Thomas Naumann, bundesweit renommierter Verkehrs- und Städteplaner aus Würzburg.

„Bielefeld pro Nahverkehr“ hatte ihn nach Bielefeld eingeladen. „Wir wollen damit einen Beitrag zu der Diskussion leisten, ob der Stadtbahnausbau die richtige Strategie für Bielefeld ist, um  mehr Fahrgäste auf Bus und Bahn zu ziehen und unsere Mobilität neu und nachhaltig zu organisieren.“, betont Dr. Godehard Franzen, Vorsitzender von Pro Nahverkehr. Naumann referierte am Freitag, den 15. November, im gut besuchten Murnausaal der VHS über „Mobilität im Wertewandel“.

Thomas Naumann präsentierte eingangs verblüffende Ergebnisse einer Untersuchung der Stadt Stuttgart. Danach ist die Zahl der PKW-Halter in der Gruppe der Unter-25jährigen seit 2000 um 63 % zurück gegangen, obwohl die Zahl der Unter-25jährigen um 8% gestiegen ist. Im selben Zeitraum ist in dieser Altersgruppe die Zahl der ÖPNV-Nutzer um 20% auf 72% angestiegen. Auch die Gesamtzahl der PKW-Halter ist seit 2000 um 8% zurückgegangen. In Sachsen und Thüringen, so Naumann, sei der Führerscheinerwerb bei den 18 – 24jährigen von 2007 bis 2012 landesweit um 43% zurückgegangen, in den Städten deutlich stärker als auf dem Land. Naumann interpretierte diese Entwicklung als Wertewandel: „Der PKW-Besitz wird von vielen jungen Menschen weniger mit Lust, zunehmend mit  Last verbunden.“ Der Referent betonte, dass der Wertewandel nicht automatisch zu einem Verhaltenswandel führe. Man müsse entsprechende Anreize und Angebote schaffen. Naumann zeigte auf, dass dabei der Straßenbahn eine Schlüsselrolle zukommt. Städte, die über ein gut ausgebautes Straßenbahnnetz verfügen, haben deutlich höhere ÖPNV-Nutzerzahlen. „Wenn man eine gut ausgelastete Buslinie mit 10-Minutentakt durch eine Straßenbahn ersetzt, kann man mit einem hohen Fahrgastzuwachs rechnen.“, betonte Naumann: „50% wird eigentlich immer übertroffen, häufig gewinnt man sogar 100% und mehr dazu“. Er belegte seine Aussage anhand konkreter Beispiele. Dieser „Schienenbonus“ sei ein verblüffendes Phänomen: „Man weiß eigentlich nicht wirklich, woran das liegt. Vermutlich liegt es daran, dass ein Schienenfahrzeug einfach eine ganz andere Qualität ist, ganz anderen Fahrkomfort bietet. Das erreicht man mit dem Bus nicht. Für viele ist der Bus offenbar nur ein größeres und weniger komfortables Auto. Da ist der Anreiz umzusteigen viel geringer.“

Der Referent zeigte auf, dass mit dem Wertewandel ein Trend zurück in die Städte einhergeht. Das gelte nicht nur für Wohnen, sondern auch für Gewerbe. Er berichtete, dass die süddeutsche Niederlassung von Microsoft, bisher auf der grünen Wiese in Unterschleißheim angesiedelt, wieder in die Münchner Innenstadt zieht, auf eine Fläche in Schwabing, die von einer Straßenbahn erschlossen wird. Naumann: „Microsoft hatte gegenüber der Stadt die Realisierung der Straßenbahnlinie zur Bedingung für den Umzug nach Schwabing gemacht.“ Naumann belegte anhand zahlreicher Beispiele, dass eine neue Straßenbahnlinie immer ein Impuls für Investitionen und eine positive Stadtteilentwicklung ist. Der Einzelhandel sei bei der Planung meist skeptisch und verteidige die straßenbegleitenden Stellplätze. Dabei habe er häufig den größten Nutzen von einer Straßenbahnanbindung. Naumann: „In Würzburg gibt es drei Media-Märkte, zwei auf der grünen Wiese und einen in der Innenstadt mit Straßenbahnanschluss. Der ist der umsatzstärkste.“

Im zweiten Teil seines Vortrags befasste sich Naumann auch mit konkreten Planungsproblemen und Konflikten. Meist würden die Beeinträchtigungen durch eine Straßenbahn überschätzt. Das gelte besonders für das Thema Lärm. Naumann: „Nichts wird in einem Planfeststellungsverfahren so gründlich geprüft wie die mögliche Lärmbelästigung. Mit moderner Technik kann man heute sehr viel leisere Straßenbahnen bauen als noch vor zehn Jahren. Bei einem guten Rasengleis muss man schon aufpassen, dass man eine ankommende Straßenbahn nicht überhört.“ Auf die Diskussionen in Bielefeld angesprochen, riet Naumann, bei der Planung so früh wie möglich auf die Betroffenen zuzugehen. Offenheit und Transparenz seien wichtig. Aber, so Naumann, man werde nicht jeden überzeugen können: „Am Ende muss nach demokratischen Spielregeln entschieden werden. Das ist das Wesen unserer Demokratie.“


Charts des Vortrags von Thomas Naumann am 15.11.2013

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