25.10.2017 | allgemeines

Bei der Neuen Westfälische Kritik nicht erwünscht?

Der kommissarische Leiter der Lokalredaktion der Neuen Westfälischen, Carsten Heil, hat in den letzten Wochen wiederholt sehr scharfe Kommentare in Richtung Stadtverwaltung verfasst. Kritische Leserbriefe dazu werden jedoch nicht abgedruckt. Kann die NW Kritik nicht ertragen?

  • Am 19.09.2017 warf der Lokalchef Carsten Heil in einem Kommentar mit dem Titel „Phantasielos" der Stadtverwaltung Phantasielosigkeit beim Umgang mit dem Luftreinhalteproblem im Bereich des Jahnplatzes vor.
    Der Vorsitzende von „Bielefeld pro Nahverkehr", Dr. Godehard Franzen, hat sich in Form eines Leserbriefs vom 19.09.2017 mit diesem Kommentar kritisch auseinander gesetzt. Er wurde nicht veröffentlicht.
    „Bielefeld pro Nahverkehr" dokumentiert ihn hier.
  • Am 07.10.2017 überschrieb Carsten Heil einen Kommentar mit „Arroganz der Bürokratie". Dort listete er diverse Beispiele auf, die nach seiner Meinung arrogantes Verhalten der Stadtverwaltung gegenüber der Politik und den Bürgerinnen und Bürgern belegen. Unter anderem warf er der Verwaltung vor, in Brackwede „eine ‚Berliner Mauer' in der schmalen Hauptstraße durchzuboxen."
    Wolfgang Baum, Vorsitzender des Beirats für Behindertenfragen, Karola Rengis, Vorsitzende Polio Selbsthilfe e. V. und Godehard Franzen schrieben dazu je eigene Stellungnahmen in Form von Leserbriefen. Keiner der drei Leserbriefe wurde veröffentlicht.
    Wir dokumentieren sie hier, hier und hier.
  • Am 20.10.2017 kommentierte Carsten Heil die Absicht der Verwaltung, die Schildescher Straße zwischen Beckhausstraße und Sudbrackstraße für Autos zu sperren. Er wählt als Überschrift „Versagen" und wirft der Verwaltung mit harschen Formulierungen „Einfallslosigkeit vor. Noch am selben Tag wurde der Vorschlag aus dem Amt für Verkehr durch den Oberbürgermeister kassiert.
    Zu dem Vorgang hat Peter Borchert einen kritischen, aber sehr sachlichen Leserbrief geschrieben. Auch der wurde nicht veröffentlicht.
    Wir dokumentieren auch ihn hier.

 


 

Leserbrief „Bielefeld pro Nahverkehr" zum Kommentar „Phantasielos",
NW 19.09.2017, 1. Lokalseite

Der Kommentator wirft der Stadtverwaltung Phantasielosigkeit vor. Das ist starker Tobak. In der Tat ist Phantasie gefordert, wenn man die Schadstoffproblematik lösen will.

Phantasielos sind aber eigentlich diejenigen, die sich nicht vorstellen können, dass man die Mobilität in unserer Stadt auch mit weniger Autoverkehr organisieren kann. „Eine pulsierende Großstadt benötigt Verkehr", schreibt der Kommentator. Dem widerspreche ich entschieden. Eine pulsierende Großstadt benötigt Mobilität, und diese Mobilität sollte so organisiert werden, dass sie mit deutlich weniger Autoverkehr auskommt. Andere Großstädte machen es uns vor. In Bielefeld hat der Autoverkehr an den täglichen Wegen einen Anteil von 55 %. In Freiburg liegt der Anteil nur bei 28 %, in Zürich gar nur bei 20 %. Diese beiden Städte machen aber auch seit drei Jahrzehnten eine Mobilitätspolitik, die ganz gezielt Autoverkehre auf umweltfreundliche Verkehrsmittel verlagert. Mit Erfolg, wie man sieht. Und Freiburg und Zürich sind wahrlich pulsierende Großstädte.

Der Kommentator hat völlig Recht, dass „das Thema ganzheitlich und langfristig anzugehen ist". Der Rückbau von zwei Fahrspuren auf dem Jahnplatz greift für sich genommen zu kurz. Diese Maßnahme muss eingebettet sein in eine neue Mobilitätsstrategie, die gezielt die Nutzung von Bus, Bahn, Fahrrad und Schusters Rappen fördert und Anreize für die Nutzung des Autos abbaut. Das wäre eine ganzheitliche Vorgehensweise, die langfristig wirken würde.

Dr. Godehard Franzen
Vorsitzender

 


 

Leserbrief Wolfgang Baum, Beirat für Behindertenfragen, zum Kommentar „Arroganz der Bürokratie",
NW 07.10.2017

Es hat den Anschein, als ob der Kommentator keine Ahnung von der Materie hat. Die Verwaltung macht lediglich Vorschläge, wie die Umsetzung der Barrierefreiheit im ÖPNV möglich ist. Die politischen Gremien entscheiden dann, welche Möglichkeit durchgeführt werden soll (übrigens mit Bürgerbeteiligung). Sowohl der Stadtentwicklungssausschuss wie auch der Beirat für Behindertenfragen und der Seniorenrat haben sich für die aktuelle Lösung (Hochbahnsteige an der Gaswerkstraße, östlich Germanenstraße und Brackwede Kirche) ausgesprochen.

Nach dem Personenbeförderungsgesetz muss die Barrierefreiheit im ÖPNV bis zum 01.01.2022 gewährleistet sein. Da es in Bielefeld bei der Stadtbahn Hochflurtechnik gibt, liegt es eben nahe, auch in der Hauptstraße Hochbahnsteige einzurichten. Dafür wurden extra Hochbahnsteige entwickelt, die eben keine gravierende Trennung darstellen, schon gar keine „Berliner Mauer". Ich finde diesen Begriff doch sehr überzogen.

Die Linie 5, über die vor Jahren die Bürger dieser Stadt abgestimmt haben, sollte in Niederflurtechnik gebaut werden. Leider hat man sich gegen diese Linie entschieden.

Fast ein Drittel der Bevölkerung (Mobilitätseingeschränkte Menschen, das können behinderte Menschen, Senioren, Väter und Mütter mit Kinderwagen oder Menschen mit Gepäckstücken) könnten nach der Errichtung der Hochbahnsteige den ÖPNV barrierefrei nutzen.

Wolfgang Baum
Vorsitzender des Beirats für Behindertenfragen

 


 

Leserbrief Karola Rengis, Polio Selbsthilfe e. V., zum Kommentar „Arroganz der Bürokratie",
NW 07.10.2017

Wiederum ein Schlag ins Gesicht der Behinderten in Bielefeld!

Die Neue Westfälische hat über den langen Weg der Auseinandersetzungen über den bis 2022 vorgeschriebenen barrierefreien Umbau an der Hauptstraße in Brackwede ausführlich berichtet.
Dem Schreiber des Kommentars ist das sicherlich nicht entgangen.

Dass den Bürgern in Brackwede jetzt durch die Verwaltung eine „Berliner Mauer" aufgezwungen wird, ist schlicht und ergreifend falsch. In den Ausschüssen der Stadt Bielefeld sind die gewählten Volksvertreter der Parteien stimmberechtigt und haben u.a. einstimmig für die Hochbahnsteige in Brackwede gestimmt. Es hat Anfang März 2017 auch eine Bürgerversammlung stattgefunden, deren Ergebnisse zusammengefaßt an die Bezirksregierung Detmold versendet wurden.

Im September 2016 haben u.a. Apotheker und Ärzte an der Hauptstraße auch mit der Begrifflichkeit „Berliner Mauer" ein Bürgerbegehren gegen den Umbau der Hauptstraße ins Rollen gebracht. Hier wird Barriefreiheit gewünscht, aber nicht vor den Türen der Ärzte und Apotheke. Kaum zu ertragen!

Als Rollstuhlfahrerin habe ich das nicht aushalten können und bin nach Gründung der „Initiative Hochbahnsteig Hier und Jetzt" bei Eis und Schnee mit vielen anderen Unterstützern auf die Straße gegangen und habe die bitter nötige Aufklärungsarbeit für unseren barriefreien Zugang an der Hauptstrasse leisten müssen.
Die NW hat auch hierzu berichtet.

Unglaublich, Herr Heil, dass Sie als stellvertretender Chefredakteur jetzt mit einem solch polemischen Kommentar erneut Öl ins Feuer gießen und diese leidige Diskussion wieder anfeuern.

Ob die NW weiterhin die richtige Zeitung für mich ist, kann ich nach so einem Schlag ins Gesicht nicht mit Sicherheit behaupten.

Karola Rengis
1.Vorsitzende Polio Selbsthilfe e.V.

 


 

Leserbrief „Bielefeld pro Nahverkehr" zum Kommentar „Arroganz der Bürokratie",
NW 07.10.2017

Mal ordentlich auf „die Bürokraten" einzudreschen, ist eine beliebte Sportart. Der Kommentator überzieht nach meiner Meinung aber deutlich, insbesondere durch polemische Formulierungen.

Zum Brackweder Hochbahnsteig-Konflikt schreibt er „..., scheint die Verwaltung eine ‚Berliner Mauer' in der schmalen Hauptstraße durchzuboxen." Die Metapher „Berliner Mauer" halte ich für völlig unangebracht, das ist pure Polemik. Der Kommentator ist auch schlecht informiert, wenn er hier die Verwaltung als den Schuldigen des Konflikts anprangert.

Barrierefreiheit im ÖPNV ist durch Bundesgesetz vorgeschrieben. Die Verwaltung ist verpflichtet, der Politik Vorschläge zu machen, wie sie umgesetzt werden kann. Nach gründlicher Beratung hat der Stadtentwicklungsausschuss im Februar 2016 einstimmig für eine Hochflurlösung gestimmt, im Mai 2016 ebenfalls einstimmig für den Standort „Östlich Germanenstraße".
Auch der Seniorenrat und der Beirat für Behindertenfragen, die zusammen ca. 90.000 Menschen in Bielefeld vertreten, haben sich einstimmig für diese Lösung ausgesprochen. Und schließlich hält auch die Arbeitsgemeinschaft aller Sozialverbände den Standort für richtig. In der Bezirksvertretung Brackwede gab es ebenfalls ein einstimmiges Votum für Hochflur. Die Standortfrage war umstritten. Aber es gab dennoch eine klare Mehrheit für den Standort „Östliche Germanenstraße". Die Konfliktlinie verläuft nicht zwischen Verwaltung und Politik. Dass Verwaltung etwas „durchboxt", trifft nicht zu.

Der Protest kommt überwiegend von Kaufleuten und Dienstleistern an der Hauptstraße, nicht durch Mehrheiten in den politischen Gremien. Und hier stellt sich immer deutlicher heraus, dass die stadtgestalterischen Aspekte eines Hochbahnsteigs keine dominante Rolle spielen. Vielmehr ist die Angst vor der Umbauphase die Haupttriebfeder des Protestes. Der Umbau der Hauptstraße ist aber unausweichlich, weil der Gleisunterbau völlig marode und das Gehwegpflaster abgängig sind. Das hat nichts mit dem Hochbahnsteig zu tun. Auch bei einer Niederflurlösung gäbe es eine ebenso lange Umbauphase.

Selbst wenn man zwischen „Gaswerkstraße" und „Kirche" keine Haltestelle hätte, müsste der Gleisunterbau grunderneuert werden. Es gibt keine Lösung ohne längere Umbauphase. Es wäre allen geholfen, wenn dieses Faktum akzeptiert, konstruktiv an der Optimierung der beschlossenen Lösung gearbeitet und ein phantasievolles Konzept entwickelt würde, wie man die Umbauphase mit möglichst wenig Einschränkungen bewältigen kann.

Dr. Godehard Franzen
Vorsitzender

 


 

Leserbrief Peter Borchert zum Kommentar „Versagen",
NW 20.10.2017

Carsten Heil schreibt in seinen zwei – für mich gegensätzlichen – Kommentaren, dass der Mensch, der diese verkehrspolitische Entscheidung getroffen hat, seinen Hut nehmen sollte. Ich bin da ganz anderer Meinung, weil dieser Mensch rechnen kann.

Auf der Linie 1 werden hauptsächlich Stadtbahnen vom Typ M8D als Doppelzug (da irrte Herr Heil in seinem Kommentar mit seinem Vorschlag) mit und ohne Beiwagen vom Typ MB4 eingesetzt. Das ergibt eine Kapazität zwischen 126 und 152 Sitzplätzen und 182 bis 237 Stehplätzen, in der Summe also 308 bis 389 Fahrgastplätze insgesamt. Die Züge sind zwischen 54 und 68 Metern lang. Durchschnittlich ist ein PKW mit 1,5 Personen besetzt. Eine PKW-Länge beträgt durchschnittlich 4,50 Meter. Das bedeutet, dass auf der Länge eines Stadtbahnzuges mit Beiwagen, sich 23 Personen in 15 PKW befinden. Gleichzeitig transportiert die Linie 1 mit Beiwagen auf einer Länge von 68 Metern bis zu 389 Fahrgäste. Anders herum gerechnet: Würden die 389 Stadtbahn-Benutzer im PKW sitzen, ergibt dies eine Autoschlange von fast 1,2 Kilometern Länge. Das entspricht der Entfernung vom Einkaufszentrum am Kreisel an der Engerschen Straße in Schildesche bis zum Krankenhaus Johannesstift. Die nackten Zahlen zeigen, dass dem ÖPNV der Vorrang zu gewähren ist.

Während der Stoßzeiten – besonders im Feierabendverkehr – befindet sich die Linie 1 seit eh und jeh auf der Schildescher Straße im Autostau, nicht erst seit der einseitigen Sperrung der Beckhausstraße. Als regelmäßiger Nutzer der Linie 1 auf meinem Weg von Vilsendorf zum Johannesstift kann ich ein Lied davon singen. Verspätungen der Linie 1 in Richtung Schildesche führen immer wieder dazu, dass ich meinen Anschlussbus der Linie 155 verpasse und dadurch eine zusätzliche Wartezeit von fast 20 Minuten habe.

Die Entscheidung des OB Clausen, die Sperrung der Schildescher Straße zwischen Johannesstift und Sudbrackstraße aufzuheben, ist eine fatale Entscheidung gegen den öffentlichen Nahverkehr und führt nur zu noch mehr Verdruss bei den Stadtbahn-Fahrgästen. ...

Peter Borchert
33739 Bielefeld

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